Ein Feature von Malin Sundermeyer: aktives Feuerwehrmitglied in der Ortsfeuerwehr Wendhausen
Wenn der Alarm losgeht, zählt jede Sekunde – doch wer steht eigentlich bereit, wenn Hilfe am dringendsten gebraucht wird?
Es ist halb neun an einem Montagabend. Stell dir vor, der Pieper geht: B2 – Wohnhausbrand. Du rennst raus, steigst ins Auto und fährst zum Gerätehaus. Drinnen herrscht reges Treiben. Gerade als du dich umziehst, kommt ein Kamerad rein und ruft: „Was haben wir?“ Befehle werden gerufen, Jacken angezogen, Stiefel übergestreift, Helme aufgesetzt. Viel wird nicht gesprochen. Die Abläufe sitzen.
Im Fahrzeug dreht sich dein Gruppenführer um und fragt, wer unter Atemschutz geht. Das Einzige, worauf du dich konzentrieren kannst, ist deine eigene Aufregung. Als ihr um die Ecke in die Straße einbiegt, siehst du es sofort: Flammen, die in den Himmel lodern, und eine schwarze Rauchwolke, die meterweit aufsteigt. Über Funk kommt die Meldung, dass noch Personen im Haus sein sollen. „Scheiße“, denkst du nur. Das ist keine Übung.
Das Fahrzeug hält. Alle warten nur darauf loszulegen. Ihr springt raus. Die Polizei ist schon da, die Bewohner stehen draußen auf der Straße. Du atmest kurz durch. Euer Gruppenführer ruft laut Befehle, die Wasserversorgung soll aufgebaut werden. Du hilfst dem ersten Trupp, sich mit dem Atemschutzgerät auszurüsten. Geräte prüfen, Gurte festziehen, Masken anpassen. Dann das kurze, charakteristische Zischen. Die Ventile der Atemluftflaschen werden geöffnet, Druck geprüft, alles sitzt. Die Hitze des Feuers ist auf der Haut zu spüren, man hört das Knistern des Holzes, der Rauch lichtet sich kaum.
Der Lärm nimmt zu. Die Pumpen der Fahrzeuge dröhnen, aus dem Funk schießen Meldungen, Stimmen überschlagen sich. Der Anbau links vom Haus steht im Vollbrand, die Garage daneben ebenso. Ein Nachbar versucht mit einem Gartenschlauch die Flammen zwischen den angrenzenden Garagen einzudämmen. Man kann ihn vor Rauch kaum sehen. Immer mehr Kräfte treffen ein, das Geschehen wird lauter, unübersichtlicher. Organisiertes Chaos bricht aus.
Für die Einsatzleitung wird die Situation in diesem Moment entscheidend. Das Feuer droht, über die Fassade auf das Wohnhaus überzugreifen. Es geht nicht mehr nur um den brennenden Anbau. Es geht darum, einen Vollbrand zu verhindern. Weitere Trupps werden vorbereitet, Funkmeldungen gehen ein, Befehle werden weitergegeben. Du prüfst Flaschen, ziehst Handschuhe zurecht, stimmst Abläufe ab. Aus dem Funk kommt der nächste Befehl. Der Einsatzleiter trifft eine Entscheidung.
„Alles ausblenden, jetzt geht’s ums Ganze.“
Luca Sundermeyer ist einer der Feuerwehrleute, die am Tag des Brandes das Feuer gelöscht haben. Er war an dem Abend Angriffstruppführer und hat gemeinsam mit seinem Trupppartner als erstes den Brand gelöscht.
„Manchmal hat man so eine innere Vorahnung“, berichtet er, „das war den Abend auch so.“
Die Freiwillige Feuerwehr Wendhausen rückt am 25. November 2024 zu einem bestätigten Wohnhausbrand aus. „Man hat schon auf der Anfahrt zum Gerätehaus hin gemerkt, dass es nicht um eine Ölspur geht, sondern doch mehr im Busch ist“, sagt er weiter. Für ihn war klar, dass er als erstes vor Ort sein wird und sich vollkommen auf den Einsatz konzentrieren muss. Als die KameradInnen auf Anfahrt im Auto sitzen, bekommen sie die Nachricht über Funk, dass noch Personen im Haus sind. „Dann ging der Puls noch ein bisschen mehr hoch.“ Man kennt die Leute im Dorf und man weiß auch, dass in diesem Haus kleine Kinder wohnen, schildert Sundermeyer.
Er spricht sich mit seinem Trupppartner ab: Wer nimmt was mit? Welche Ausrüstung wird benötigt? Wie gehen sie am schnellsten vor? Angekommen an der Brandstelle hat er ein Ziel: „Bitte lass mich diese Kinder retten.“ Sie ziehen sich an, rüsten sich aus und sammeln ihr Werkzeug zusammen. Als dann ihr Gruppenführer auf sie zukommt und ihnen sagt, dass alle Personen aus dem Haus sind, empfindet er nur Erleichterung: „Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen.“
Sundermeyer berichtet auch, was ihm bei dem Einsatz am meisten gestört hat: das Ausrüsten. „In dem Moment ging es mir nicht schnell genug“, denn, „du willst unbedingt nach vorne, du willst unbedingt löschen.“ Gleichzeitig war der heutige Gruppenführer zufrieden mit dem Gesamtergebnis. „Jeder wusste sofort, was er machen sollte.“ Sei es, die Wasserversorgung aufzubauen oder das aufkommende Chaos in Schach zu halten.
Sie gingen mit dem ersten Rohr vor und näherten sich der Brandstelle. Der Anbau, bestehend aus Garage und Wintergarten, stand im Vollbrand. „Das Haus war Priorität Nummer eins.“
Er erklärt weiter, dass bei der Brandbekämpfung immer taktisch vorgegangen wird. Es wird unterschieden zwischen dem, was verloren ist und dem was noch zu retten ist. Daher konzentriert man sich darauf, dass das Feuer ihnen nicht „wegläuft“ und auf das Wohnhaus überspringt. Sie haben erst die Wände des Wohnhauses gekühlt und sich dann um die aktive Löschung des Feuers gekümmert.
Von der Einsatzstelle rundherum hat er nicht viel mitbekommen, dafür habe er das Lodern der Flammen, das Knacken der Balken und das Zerspringen der Glasscheiben erlebt. Sein Trupp hat nach der Löschung des Feuers die Zwischendecke entfernt, um nach Glutnestern zu schauen und diese endgültig zu löschen. Dass das kein Routineeinsatz ist und er als erster den Flammen so nah war, weiß Sundermeyer. „Angst hatte ich gar keine, Respekt ja, aber keine Angst“, „Ich glaube, das darf man auch nicht haben.“ Eine halbe Stunde später ist das Feuer aus gewesen.
Sundermeyer hebt hervor, wie stolz er auf die gesamte Feuerwehr ist. „Dass wir den Einsatz so gemeistert haben, dass die Familie da wohnen bleiben kann und dass niemand verletzt ist oder gar Schlimmeres passiert ist, ja das war schon ein Erfolgsgefühl.“ Die Berufsfeuerwehr der Stadt Hildesheim braucht zehn Minuten länger als die Freiwillige Feuerwehr vor Ort. „Würde es die Freiwillige Feuerwehr nicht geben, wäre das Haus abgebrannt.“
„Hoffentlich sind ein paar Leute da.“
Es war „eine typische Alarmierung, aber auch nicht typisch“, da es in Wendhausen sehr selten zu einem echten Brandeinsatz kommt. Oft sei es so, dass die Feuerwehr alarmiert wird, aber auf Anfahrt wieder umkehrt oder das Problem schnell vor Ort gelöst bekommt, erzählt von Bechtold. Dieses Mal war es anders. Als Einsatzleiter sei man immer angespannt, was einen wirklich erwarte, wenn man um die Ecke fährt. Von Bechtold verdeutlicht auch, dass seine größte Angst ist, nicht genügend Leute zu haben, da alles freiwillig ist und man nie wissen könne, wer verfügbar ist.
In seiner Funktion als Einsatzleiter hat er die oberste Befehlshabe übernommen und den Einsatz geleitet. Er war für die Koordinierung der Feuerwehren, die Kommunikation mit der Leitstelle und Nachforderung zusätzlicher Kräfte verantwortlich. „Es war wirklich auf den Punkt. Ein paar Minuten länger, dann wäre das Wohnzimmer vielleicht wirklich weg gewesen, dann hätte es anders ausgesehen“, erzählt von Bechtold. Bei solch einem Einsatz brauche man vor allem eins: Vertrauen in die eigenen Leute. „Ich muss denen wirklich vertrauen, dass die das vernünftig machen, aber die müssen auch mir vertrauen.“ Deshalb erklärt von Bechtold, dass solche Situationen beim Übungsdienst geübt werden; man wisse, was die Leute können. Weiter erzählt er, wie er mit der Verantwortung umgeht: „Man wird da routinierter mit der Zeit.“ Dafür gibt es Einsatznachbesprechungen, Übungsdienste und Weiterbildungen. Außerdem ist man als EinsatzleiterIn nicht allein. Es gibt weitere Führungskräfte vor Ort, die sich untereinander absprechen, und stark im Team zusammenarbeiten.
Eine weitere Aufgabe als Einsatzleiter/in ist es, die vorhandenen Einsatzkräfte einzuteilen, die Lage vor Ort einzuschätzen und Prioritäten herauszufiltern. „Da kriegt man schon Puls“, berichtet von Bechtold. Es müsse alles schnell gehen, man müsse sich eine Übersicht verschaffen: Welche Prioritäten setze ich? Wo setze ich meine Leute ein? Wo kommt die Drehleiter hin? Wie kommen die RTWs an die Einsatzstelle? Was für Kräfte muss ich nachalarmieren? Am Ende gehe es für ihn und seiner Meinung nach für die meisten um eine Sache: „Einmal wem helfen und gebraucht zu werden.“
„Jedem kann man leider nicht helfen.“
Auch schwierige Einsätze gehören zum Ehrenamt in der Freiwilligen Feuerwehr dazu. So wurden Sundermeyer und von Bechtold vor vier Jahren mitten in der Nacht zu einem schweren Verkehrsunfall mit MANV alarmiert. „Wenn du die Meldung hörst, dann weißt du schon, da kommt jetzt ziemlich viel Scheiße auf uns zu. Das wird jetzt alles, aber nicht schön“, berichtet Luca Sundermeyer. Er, von Bechtold und noch zwei weitere Kameraden saßen im Einsatzleitwagen (ELW) und erfuhren auf Anfahrt, dass es sich um vier Jugendliche handelt, die gegen einen Baum gefahren sind. Was die ELW-Besatzung dort gesehen hat, ist nur schwer zu begreifen.
„Ein Mensch, der jünger ist als du, liegt auf der Straße und hat Angst um sein Leben. Da kannst du niemanden drauf vorbereiten“, erzählt Sundermeyer. Die Einsatzkräfte vor Ort führten eine Crash-Rettung durch und befreiten alle Jugendlichen, ehe sie auf die Rettungswagen warteten. So ein Einsatz geht nicht spurlos an einem vorbei. Mit Hilfe von Seelsorgeprogrammen der Gemeinde und langen Gesprächen unter den Kamerad*innen wurde es einfacher, den Einsatz zu verarbeiten. In den nächsten Tagen erfuhren die Einsatzkräfte, dass zwei der vier Jugendlichen verstorben sind.
„Ich habe nicht eine Sekunde daran gedacht, aus der Feuerwehr auszutreten“ erzählt Sundermeyer. Auch Kai von Bechtold sieht das so. Für ihn ist eine Sache klar: „Ohne die Hilfe würden sie es nicht überleben oder mit viel größeren Schäden, das ist schon ein Antrieb, den Leuten zu helfen.“
Jeder und jede kann Ehrenamt
Beide sind stolz auf ihr Ehrenamt. „Du tust was Gutes für die Gemeinschaft“, findet Sundermeyer. Kai von Bechtold sieht das genauso. Er ist davon überzeugt, dass jedeR Ehrenamt kann. „Das Wichtigste, wenn man sich ehrenamtlich engagiert, man muss was finden, worauf man Lust hat, dass man das freiwillig macht.“
Die Ortsfeuerwehr Wendhausen gehört zu einer von elf Ortsfeuerwehren der Gemeinde Schellerten. Jeden Tag sind hunderte Menschen erreichbar, die rund um die Uhr alles stehen und liegen lassen, um zum Gerätehaus zu fahren, wenn die Sirene geht. Sie sind ausgebildete Kräfte, die ihre Freizeit nutzen, um anderen zu helfen. Doch laut Sundermeyer gehört noch mehr dazu: „Wir sind nicht nur Feuerwehrkameraden, die sich zum Dienst treffen, wir sind auch eine Freundesgruppe geworden.“ Von Bechtold teilt die Meinung: „Es macht tierisch Spaß, abends die Übungsdienste, danach noch zusammensitzen, sich Sachen erzählen.“
In Deutschland engagieren sich, laut Bundesministerium des Innern, jeden Tag rund 29 Millionen Menschen ab 14 Jahren für das Gemeinwohl, darunter eine Million in der freiwilligen Feuerwehr. Sie alle verzichten auf ihre Freizeit, ohne dafür entlohnt zu werden. Ob Sportverein, Nachbarschaftshilfe oder eben Feuerwehr: Ehrenamtliche halten zusammen, was eine Gesellschaft im Kern ausmacht. Wer sich engagiert, wächst dabei auch selbst: Man lernt Verantwortung zu tragen, knüpft Freundschaften und entdeckt Fähigkeiten, von denen man vorher gar nicht wusste, dass man sie hat. Und wer noch zögert, findet vielleicht in den Worten von Kai von Bechtold den entscheidenden Anstoß: Einfach etwas suchen, worauf man Lust hat, der Rest kommt von allein. Wo wären wir ohne die Millionen Menschen, die jeden Tag still und selbstlos anpacken? Die gute Nachricht ist: Sie sind noch da. Und es werden immer mehr stille Helden.
Text und Bilder: Malin Sundermeyer
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