Ein Bewahrer von Heimaterinnerungen
Bürgermeister Frank-Thomas Schmidt verabschiedet Orts- und Gemeindeheimatpfleger Gerhard Schütte. Er kennt die Hildesheimer Region wie kaum ein anderer und sein Gehirn war schon immer ein lebendiger Computer. Alle Erinnerungen und Erlebnisse hat er darin abgespeichert und nach Bedarf aufgerufen.
Das galt nicht nur bei der Erstellung von Festschriften, Chroniken und sonstiger Bücher, sondern auch beim Halten von Festreden bei Dorf- und Vereinsjubiläen, Führungen oder von Moderationen bei großen Sportveranstaltungen, wie die Silvesterläufe, die Grundschul-Biathlons in Hasede oder Brennetrogrennen auf der Tränke am Grasweg, nördlich seines Heimatdorfes Algermissen.
Als freier Mitarbeiter der HAZ hat Gerhard Schütte seit 1961 unzählige Berichte geschrieben. Das gilt auch für viele andere Zeitungen aus der Region und ganz Niedersachsen. Vorher durfte er das noch nicht, weil er damals noch keine 18 Jahre alt war. Bei dem Hobbyfotografen war man auch immer gut im Bilde. Für sein besonderes ehrenamtliches Engagement ist der heute 83-jährige Schütte bereits mehrfach ausgezeichnet worden, im Jahr 2010 sogar mit dem Niedersächsischen Verdienstorden. Ihm lag schon immer die Heimat- und Kulturpflege besonders am Herzen.
Daran erinnerte Bürgermeister Frank-Thomas Schmidt, der selbst in Algermissen geboren wurde, bei einem gemütlichen Beisammensein in seinem denkmalgeschützten Fachwerkhaus aus dem Jahr 1788 in der Kirchgasse. Seit 1980, so Schmidt, sei Schütte ununterbrochen der Orts- und Gemeindeheimatpfleger von Algermissen und von 1989 bis 2014 auch Kreisheimatpfleger gewesen.
Bürgermeister Schmidt verabschiedete ihn im Beisein seiner Frau Helga und Kreisheimatpflegerin Paloma Klages nach 46 Jahren als Orts- und Gemeindeheimatpfleger von Algermissen und dankte ihm für seine unermüdliche ehrenamtliche Arbeit mit einer Urkunde und Gemeindewappen.
Dazu überreichte Schütte ihm noch ein Glas echten Bienenhonig aus Algermissen. Klages hatte einige Birnenquitten vom Osterberg und Apfelquitten aus Duingen mitgebacht. Seine Frau Helga, so bemerkte Schmidt, habe ihm in all den Jahren den Rücken freigehalten. „Ich habe ihn einfach machen lassen, denn damit hatte auch ich meine Freiheit“, antwortete sie.
Kreisheimatpflegerin Klages erinnerte daran, dass Schütte von 1984 bis 2017 die Kommission „Unser Dorf soll schöner werden“ des Landkreises Hildesheim geleitet habe, die heute „Unser Dorf hat Zukunft“ genannt werde. Schütte sei es auch zu verdanken, dass im Jahr 2014 die Kreisheimatpflege zusammengelegt worden sei.
Vorher hätten Kreisheimatpfleger Gerhard Kraus für den Altkreis Alfeld und Gerhard Schütte für den Altkreis Hildesheim-Marienburg gewirkt. Seitdem zeichnete sie sich als Kreisheimatpflegerin allein verantwortlich. Bürgermeister Schmidt hob besonders die immer glasklare und ruhige Aussprache von Schütte hervor, die ein rhetorisches Erkennungszeichen von ihm gewesen sei. In letzter Zeit hat ihn aber eine schwere Erkrankung zurückgeworfen. So konnte er sich nicht mehr aktiv um seinen Heimatverein im „Gänsedorf“ Algermissen kümmern. Schmidt erinnerte daran, dass Schütte früher auch in den Pressezentren mehrerer Deutscher Turnfeste ausgeholfen und viele Volkswandertage im Landkreis Hildesheim organisierte habe.
Besonders der Ausbau des Algermissener Heimatmuseums sei sein besonderer Verdienst. Das mit großen Sammlungsbeständen ausgestattete Museum präsentiert sich in der heutigen Form seit 1981 in der Neuen Straße im ehemaligen Schulgebäude. Gezeigt werde dort auch eine ostdeutsche Heimatstube, verschiedene Werkstatt- und Ladeneinrichtungen, eine Apotheke von 1863, handwerkliche und hauswirtschaftliche Sammlungen, historische Schuleinrichtungen sowie eine sporthistorische Sammlung und unzählige Bilddokumente des Dorfalltags in Algermissen ab 1864.
Ein weiterer Schwerpunkt sei im Museum die Vertreibung von 1945 sowie der Katholizismus in Algermissen. Eine 2000 Jahre alte Zisterne, die beim Kanalbau 1923 bei der Silobrücke zufällig im Schlamm entdeckt wurde, runde die Schau ab. Darunter seien auch Sportschätze alter Fußballschuhe, Schlittschuhe oder ein Handball mit originalen Unterschriften der WM-Handball-Helden aus dem Jahr 1978. Besonders die Ausstellung „Auf den Spuren des Breitensports“ zähle dazu, die er aus Anlass des 125-jährigen Bestehens des TV „Eintracht“ Algermissen, als Pressechef des Vereins organisiert habe. „Zur Sammlung zählt auch ein Tischtennisschläger des 23-fachen ungarischen Weltmeisters Victor Barna, den er mir in der damaligen Tischtennis-Hochburg Harsum als Andenken geschenkt hat“, ergänzt Schütte in dem Gespräch.
Gerhard Schütte wurde am 20. September 1943 in Algermissen geboren. Mit seiner Familie lebte er von 1955 bis 1969 in Harsum, weil der Vater Josef dort die Sparkasse, die spätere Volksbank leitete. Dort begann Gerhard Schütte auch mit dem Sport und spielte Tischtennis und Handball in den örtlichen Vereinen. Später wurde er mit nur 17 Jahren als Leichtathlet Kreismeister im Diskuswurf. Nach Ablegung der mittleren Reife am Gymnasium in Duderstadt machte Schütte eine Ausbildung zum Radio- und Fernsehtechniker.
In dem Beruf arbeitete er fast 30 Jahre, bevor er 1986 zur Volksbank wechselte, wo er sich bis zu seinem Ruhestand 2006 ums Marketing der Bank kümmerte. Seit 1969 lebt Schütte wieder in seinem Heimatdorf Algermissen. Viele Jahre hat er sich auch für die dort besonders erfolgreichen Rassegeflügelzüchter engagiert und war Pressereferent der Geflügelzüchter auf Kreis- und Landesebene.
Vor allem aber ist Gerhard Schütte so etwas wie das Gedächtnis der Region und Bewahrer vieler wichtiger Heimaterinnerungen. Er ist im Grunde „ein Archiv auf zwei Beinen“, sagte Schmidt.
Text und Foto: Hans-Theo Wiechens
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