Liedermacher Clemens Bittlinger und seine Band begeisterten das Publikum. Hinten von links: David Plüss, Matthias Dörsam und David Kandert.

Liedermacher Clemens Bittlinger gastierte mit Astrophysiker Prof. Dr. Andreas Burkert in der restlos ausverkauften Dingelber Kirche

10.11.18 | So mancher mag sich in Gotteshäusern dem Himmel näher fühlen. Doch selbst wer nicht glaubt, erlebte dort nun eine spannende musikalisch-wissenschaftliche Reise in das Weltall.

Denn in der Dingelber Kirche St. Michael gastierte der bekannte evangelische Liedermacher Clemens Bittlinger nebst Band gemeinsam mit dem renommierten Astrophysiker Prof. Andreas Burkert aus München. Mehr als 300 Zuhörer begleiteten die beiden Hochkaräter aus Glaube und Wissenschaft in die unendlichen Weiten jenseits der Erde - und überwanden im ausverkauften Kirchenbau Raum und Zeit bis hin zur faszinierenden Entstehung unseres Heimatplaneten.

„Je mehr wir wissen und voneinander lernen, desto mehr staunen wir“

fotogalerieNoch vor wenigen Generationen wäre es ein Skandal gewesen: Ein evangelischer Pfarrer und ein Naturwissenschaftler sprechen in einer katholischen Kirche über ein Thema, das auf den ersten Blick eindeutig im Widerspruch zur christlichen Schöpfungslehre steht. „Es gibt Menschen, die wittern beim Begriff Urknall den Verrat an der christlichen Kirche“, berichtet Clemens Bittlinger auch aus heutiger Zeit.

Warum das Gegenteil der Fall sei, erfuhr das Publikum in einem kurzweiligen Abendprogramm: „Je mehr wir wissen und voneinander lernen, desto mehr staunen wir.“ Bereits zum zweiten Mal holte der Gleitz-Verlag den Musiker nach Dingelbe, diesmal mit der EVI Energieversorgung Hildesheim und weiteren Sponsoren als Partnern. Wertvolle Unterstützung vor Ort gab es erneut von der Kirchengemeinde St. Michael, insbesondere durch Pastoralratsmitglied Heinz Dettmer und seine Ehefrau Monika.

Gefühlvolle Musik und eingängige Texte

Vollkommene Dunkelheit, die Blicke auf eine Videoleinwand über dem Altar gerichtet - so beginnt das Programm „Urknall und Sternenstaub“ in Dingelbe, mit dem Bittlinger und Burkert seit vielen Jahren nicht nur in Deutschland begeistern. Ein Musikvideo, das durchaus mit modernen Produktionen mithalten kann, stimmt auf das Thema ein. Erst dann betreten die Hauptpersonen unter Applaus den beleuchteten Chorraum, die Musiker David Plüss (Keyboard, Akkordeon), Matthias Dörsam (Klarinette, Saxophon, Querflöte) und David Kandert (Percussions, Gesang) postieren sich an ihren Instrumenten.

Was sie in den kommenden zwei Stunden musikalisch darbieten, reicht von animierend-moderner Kirchenmusik mit Elementen von Pop-, Jazz- und Sprechgesang über Klassiker bis hin zu mystisch-anmutenden Solo-Einlagen. Die Künstler lieben, was sie tun, das ist ihnen deutlich anzusehen. Besonders deutlich spiegeln sich die Emotionen der Musik in Gesicht und Gestik David Kanderts, der sich sitzend auf einer Cajón-Trommel vollends den Klängen hingibt. Clemens Bittlinger bildet eher den ruhenden Pol, er schreitet während seines gefühlvoll-ausdrucksstarken Gesangs bedacht mit leicht forschendem Blick und der Gitarre vor dem Oberkörper den vorderen Chorraum entlang - immer wieder jedoch mit dem Versuch, das Publikum zum Mitsingen zu animieren.

„Probieren wir es doch mal“, spricht der singende Pfarrer aus dem Odenwald wiederholt Mut zu. Zwar finden sich unter den Zuhörern zweifelsohne langjährige und textsichere Fans, doch tragen dank Texteinblendungen auf der Leinwand auch zögernde Sänger zu einem anrührenden Chorklang im Gotteshaus bei. Musikalische Darbietungen und naturwissenschaftliche Redebeiträge wechseln einander ab, in kluger Weise thematisch aufeinander abgestimmt.

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Mit wunderschönen Bildern entführte Prof. Dr. Andreas Burkert das Publikum in die Weiten des Universums.

 

„Wir sind Teil eines gewaltigen Universums“

Prof. Andreas Burkert, Astrophysiker, Hochschullehrer und Leiter der Universitäts-Sternwarte München, präsentiert sich in Dingelbe als ein faszinierter und gleichfalls brillanter Vermittler seines Fachgebietes. Gekonnt versteht es der 59-Jährige, „mit dem blauen Raumschiff Erde“ in das Universum vorzudringen und auf verständliche Art Zusammenhänge näherzubringen, „die vielleicht ein ganz wenig unser Weltbild verändern können.“

Von der Erde geht es zunächst zu deren sieben Nachbarplaneten, die allesamt um die Sonne kreisen und daher ein Sonnensystem bilden. Helium und Wasserstoff seien die Urelemente, die sich in allen Planeten finden ließen - auch auf der Sonne, die mit ihrer Größe alle Planeten übertrifft: „In ihrem Inneren wird aus Wasserstoff Helium gemacht, und durch diese Fusion leuchtet die Sonne schon seit 4,5 Milliarden Jahren“, so der Experte. Zur selben Zeit entstanden auch die Erde und ihre Nachbarplaneten. Doch das Sonnensystem der Erde sei nur Teil weitaus größerer Dimensionen, eines „gewaltigen Universums“.

Und so dringt der Experte weiter in die Tiefen des Weltalls vor, in die Milchstraße oder auch Galaxis genannt. „Jeder leuchtende Punkt in der Milchstraße ist ein Stern“, weiß der Astrophysiker. Unvorstellbare 100 Milliarden Sterne gäbe es in der Milchstraße, „und jeder ist umgeben von einem eigenen Planetensystem.“

Mit einer eindrucksvollen Animation entlang galaktisch-farbenfroher Himmelserscheinungen führt die kosmische Reise bis hinaus in den intergalaktischen Raum außerhalb der Milchstraße: „Ein ganzer Firmament aus Milchstraßen existiert, mehr als 100 Milliarden“, überwältigt Burkert seine Zuhörer erneut mit der enormen Zahl und treibt es auf einen Höhepunkt: „Entstanden ist unser Universum vor 13,5 Milliarden Jahren im Urknall.“

„Dadurch, dass ein Stern stirbt, wird ein Mensch geboren“

Wie aber kommt Leben in diese Weiten des Universums? Auch darauf liefert der Astrophysiker eine fundierte Antwort: „Es existieren Planeten weitaus größer als die Sonne, die Helium zu schwereren Elementen verbrennen.“ Diese Planeten explodierten zu einer so genannten Supernova, sie „schleudern also Sternenstaub in das Weltall hinaus.“ Die Folge ließe sich unter jedem Bett erkennen, wie der Professor mit einem humoristischen Augenzwinkern verrät - denn auch bei ihm sammle sich dort Staub. „Allerdings nur aus wissenschaftlichen Gründen“, wie er nachträgt und fasziniert zum Thema zurückkehrt: „Wenn Sie eine Million Jahre warten würden, wäre daraus ein kleiner Planet entstanden.“

Interessant für die Entstehung des Lebens seien die Elemente des Sternenstaubs, denn sie gleichen der Chemie des Menschen: „Auch wir bestehen aus Wasserstoff, Sauerstoff, Kohlenstoff und Stickstoff. Die Natur hat also das genommen, was die Sterne produzieren, und daraus den Menschen gebaut.“ Selbst wenn es nur einmal gelungen sei, müsste es in den Dimensionen des Weltalls „vor Leben nur so wimmeln.“

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In der Dingelber Kirche herrschte eine einzigartige Atmosphäre.

 

Bestätigt Wissenschaft den Glauben?

Aus Sicht Clemens Bittlingers helfen die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse dabei, den Glauben zu verstehen: „Ich habe vorher nie begriffen, warum Gott im zweiten Schöpfungsbericht aus Staub einen Klumpen formt und seinen Atem hineinbläst. Heute weiß ich: Aus Sternenstaub sind wir gemacht.“ Auch der Urknall stünde nicht im Widerspruch zur christlichen Lehre, wie der Pfarrer an einem Bibelzitat erläutert: „Am Anfang schuf Gott Himmel. Wie bitteschön soll er das gemacht haben? Warum soll sich der Schöpfer des Himmels und der Erde nicht einer Art Initialzündung bedient haben?“

Bei der Frage, wie der Mensch mit seinem vergleichsweise kleinen Gehirn die komplexen Zusammenhänge des Weltalls überhaupt verstehen kann, wechselte auch der Naturwissenschaftler zum Glauben: „Gott hat es nicht nötig, sich hinter Geheimnissen zu verstecken“, zeigt er sich überzeugt. Vor allem resultiere aus diesem Verständnis ein wertvoller Nebeneffekt: „Die Beschäftigung mit dem Weltall lehrte mich schnell Bescheidenheit.“ Geradezu befreiend wirke die Erkenntnis, nicht das Zentrum der Schöpfung zu sein und diese vollenden zu müssen: „Was wäre das sonst für ein Stress und eine Verantwortung“, lacht der Experte und kehrt von seiner audiovisuellen Reise wieder zum Heimatplaneten zurück: „So haben wir ja eigentlich nichts anderes zu tun, als unsere kleine blaue Erde zu pflegen und zu erhalten.“

Mit drei musikalischen Zugaben und langanhaltendem Applaus endete ein spannender Dialog aus Wissenschaft und Glaube.

Marcel Giffey

Fotos: Clemens Heidrich

 
Die Veranstaltung wurde präsentiert von:
evi gleitz
 

 

Mit freundlicher Unterstützung von:
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